Augen in der Großstadt

Ich hab es ja nicht so mit Lyrik. Ausser natürlich mit den Gedichten von Kurt Tucholsky. Aus nicht mehr ganz nachvollziehbaren Gründen bin ich gerade über diese Interpretation eines meiner Lieblingsgedichte von Tucholsky gestolpert:

Ich habe keine Ahnung, wer da rappt. Stuttgart Benztownstars, soweit klar. Auf jeden Fall macht er seine Sache wirklich gut, finde ich.

Für meine Grosseltern

Danach

Es wird nach einem happy end
im Film jewöhnlich abjeblendt.
Man sieht bloß noch in ihre Lippen
den Helden seinen Schnurrbart stippen-
da hat sie nun den Schentelmen.
Na,und denn-?

Denn jehn die beeden brav ins Bett
Naja…..diß is ja auch janz nett.
A manchmal möchte man doch jern wissen:
Wat tun se, wenn se sich nich kissen?
Die könn ja doch nich immer penn…..!
Na, und denn-?

Denn säuselt im Kamin der Wind.
Denn kricht det junge Paar ’n Kind.
Denn kocht se Milch. Die Milch looft üba.
Denn macht er Krach.Denn weent sie drüba.
Denn wolln sich beede jänzlich trenn…..
Na, und denn-?

Denn is det Kind nich uffn Damm.
Denn bleihm die beeden doch zesamm.
Denn quäln se sich noch manche Jahre.
Er will noch wat mit blonde Haare:
vorn doof und hinten minorenn….
Na, und denn-?

Denn sind se alt.
Der Sohn haut ab.
Der Olle macht nu ooch bald schlapp.
Vajessen Kuß und Schnurrbartzeit-
Ach, Menschenskind,wie liecht det weit!
Wie der noch scharf uff Muttern war,
det is schon beinah nich mehr wahr!
Der olle Mann denkt so zurück:
wat hat er nu von seinen Jlück?
Die Ehe war zum jrößten Teile
vabrühte Milch und Langeweile.
Und darum wird beim happy end
im Film jewöhnlich abjeblendt.

Kurt Tucholksy (Theobald Tiger), 1930

Für meine Grosseltern, mit denen ich heute ihren 60. Hochzeitstag gefeiert habe.

Eisenbahnerstreik

Leipzig

Unnötig.
Aber ohne jedes Recht.
Die Frau, die Kinder wollen Schuhe.
Wißt ihr, wie solcher Dienst den Körper schwächt?
Tag-, Nachtschicht und das bißchen Ruhe.

Ja, standet ihr schon mal am Führerstand?
Der Kessel glüht – es ziehn die Winde.
Heiß-kalt, kalt-heiß wird seine Führerhand . . .
Wo ist sein Sinn! Bei seinem Kinde?

Wo ist sein Sinn? Die Augen spähn: »Fahrt frei!«
Er darf nicht einen Griff versäumen.
Er sieht das Vorsignal und Weiche III –
Ihr könnt auf weichen Polstern träumen,

Wollt ihr nicht sichere Fahrt durch euer Land?
Wie soll der Dienst tun mit den Sorgen?
Zweihundert Leben in der einen Hand –
und dieser Hand will keiner, keiner borgen?

Er hats nicht leicht der Mann vom Flügelrad.
Stets droht der Tod. Er soll nicht ein Mal fehlen.
Ihr tuts für euch. Macht seine Kinder satt!
Wer fünf Milliarden für die Reichswehr hat:
der darf uns nichts von Sparsamkeit erzählen!

Theobald Tiger, Weltbühne vom 09.02.1922

[Bahnblog, Sudelblog]
Foto: ich.

Wir leben in einer merkwürdigen Zeitung

Zeitungen

Wer mein Weblog regelmässig liest (laut Google Analytics sind es knapp 15% von Euch – da ist noch Potential nach oben!), hat vielleicht bemerkt, dass ich ein Tucholsky-Fan bin. Das kann man zum Beispiel hier nachlesen.

Deef, der saarländische A-Podcaster mit nationaler Reichweite, ist es auch. Schon zum zweiten Mal liest er einen Tucholsky-Text: Weltbild, nach intensiver Zeitungslektüre. Grossfomatiges Zeitungszapping 1931.

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