Osteuropa Abenteuerreise: mit der Bahn über Krakau nach Odessa

Es ist ja nicht so, dass ich in letzter Zeit wenig unterwegs wäre. Um im Rhythmus zu bleiben, habe ich gerade eine Bahnfahrt nach Odessa gebucht.

Los geht’s in der Nacht des ersten Weihnachtstages von Dortmund nach Warschau – für unschlagbar günstige 29 Euro im Nachtzug. Von Warschau geht es dann weiter mit einem IC nach Krakau. Insgesamt kostet der Trip Dortmund – Krakau ganze 55 EUR. Und ist damit günstiger als der Wizz-Billigflieger, der nur in die Nähe von Krakau fliegt.

Weil Krakau so schön sein soll, bleibe ich zwei Tage dort. Anschliessend geht es mit einem Nachtzug in die Ukraine, direkt nach Odessa. Die Fahrt wird etwa 24 Stunden dauern.

Ein paar Tage später geht es dann zurück. Dann allerdings mit dem Flugzeug. Direkt nach Frankfurt am Main. Die Arbeit ruft….

Marschrutka, Trolleybus, Strassenbahn oder doch Schwarz-Taxi?

Trolleybus
Trolleybus

Odessa ist eine Millionenstadt. Den Odessiter stehen verschiedene Verkehrsmittel zur Verfügung, wenn sie sich von A nach B bewegen wollen.

Trolleybus

Im Stadtzentrum gibt es ein relativ dichtes Netz von Trolleybussen. Trolleybusse haben einen Stromabnehmer und funktionieren im Prinzip wie Strassenbahnen. Die Trolleybusse, die in Odessa im Einsatz sind, stammen aus der Soviet-Zeit und sind in einem eher schlechten Zustand. Während der Fahrt rumpelt es heftig, die Sitze sind abgenutzt – dafür kostet eine Fahrt nur 50 Kupeken. (Nach aktuellem Euro-Kurs entspricht das etwa 7 Cent). Der Fahrpreis wird direkt bei der mitfahrenden Fahrkartenverkäuferin entrichtet. Senioren fahren umsonst.

Bei Odessitern, die es sich leisten können, sind Trolleybusse nicht sehr beliebt. Zu langsam, zu voll und zu unbequem.

Strassenbahn

Tramway in Odessa
Tram in Odessa

Die alterschwachen Strassenbahnen aus tschechischer Produktion stellen auch keine Alternative da. Das Strassenbahnnetz ist dünn, die Bahnen fahren selten und sowohl Strecken als Bahnen sind in einem wirklich schlechten Zustand. Da hilft es auch nicht, dass man die meisten der alten Strassenbahn mit neuen Digitalanzeigen ausgestattet hat.

Marschrutka

Das beliebteste öffentliche Verkehrsmittel scheint aber die Marschrutka zu sein. Marschrukti sind LinienSammeltaxis, die innerhalb der Stadt auf festen Routen fahren und jederzeit Fahrgäste aufnehmen oder abesetzen. Die komfortabelsten Marschrutki sind Bogdan-Kleinbusse, die durchaus westlichen Erwartungshaltungen an einen kleinen Reisebus erfüllen. Auf manchen Strecken jedoch fahren auch echte Seelenverkäufer. Umgebaute Kleinlastwagen, gerne genommen: Mercedes Sprinter mit orignal deutscher Werbeaufschrift. Erstaunlich, wieviel Menschen in einem Sprinter Platz finden. Vom Markt am 7 Kilometer bin ich mal mit 17 anderen Personen zurück in die Stadt gefahren.

Der Fahrpreis hängt von der Linie ab. Innerhalb Odessas zahlt man zwischen 1,25 und 1,5 Hrywnja (1 EUR = 7,4 Hrywnja) auf längeren Strecken können schon mal 4 Hrywnja fällig werden.

Bezahlt wird beim Aussteigen, direkt beim Fahrer. Es empfiehlt sich, den Betrag möglichst klein, am besten abgezählt, bereit zu halten.

Hier ein ganz kleines Video vom Cockpit einer Marschrutka auf dem Weg nach Odessa. Der Fahrer hatte neben den obligatorischen Mini-Ikonen und Kreuzen noch einen gewaltigen Glas-Aschenbecher und mindestens 4 verschiedene Digitaluhren auf dem Amarturenbrett stehen.


Direktmarschrutka

Schwarz-Taxi
Die schnellste aber auch die teuerste Art sich innerhalb der Stadt fortzubewegen sind illegale Taxis. Es gibt zwar auch offizielle Taxis in Odessa – aber die sind nie da, wenn man sie braucht. Daher gilt: An eine beliebe Strassenecke stellen, Finger raus – innerhalb kurzer Zeit wird ein Auto halten. Jetzt gilt es, Verhandlungsgeschick zu beweisen. Für kurze Fahrten innerhalb des Zentrums sind 10 Hrywnja der aktuell angezeigte Preis.

Es gibt sowohl gut organisierte schwarze Taxi-Netze, in denen die Fahrer per Funk mit einer Zentrale Kontakt halten und echte Einzelkämpfer die mit zum Teil sehr, sehr alten Fahrzeugen auf der Suche nach Fahrgästen sind.

Das eigene Auto
Obwohl für viele Ukrainer ein eigenes Auto nach wie vor purer Luxus ist, sind die Strassen von Odessa mit Autos verstopft. Auffällig ist die extrem hohe Dichte an deutschen Nobelkarossen. Leute, die es sich leisten können, fahren SUVs, gerne mit verdunkelten Scheiben.

Fahrrad

Das Fahrrad scheint keine Alternative zu sein. Mag sein, dass es am Wetter liegt, die einzigen Fahrradfahrer die ich gesehen habe, waren Jugendliche mit Mountainbikes.

Aber ehrlich gesagt: Mit dem Fahrrad durch Odessa fahren zu wollen, scheint mir keine gute Idee zu sein. Oder man bringt als Fahrradfahrer eine gehörige Portion Risikobereitschaft mit.

Kleines Fotoalbum: Privoz-Markt in Odessa

Kugelfisch
Kugelfisch. Alle Fotos: ich

Mitten in der Stadt, gleich hinter dem Bahnhof liegt der Privoz, ein grosser Markt auf dem es neben Lebensmitteln, so ziemlich alles zu kaufen gibt, was das Herz begehrt. Allerdings gibt es nicht wenige Odessiter, die dem alten Privoz nachtrauern, denn der Neue Privoz wartet neben den alten auch mit ganz neuen Markthallen auf. Früher, so heisst es, hätte es nur Lebensmittel gegeben.

Dennoch ist der Privoz unbedingt einen Besuch wert. Bei meiner ersten Visite im letzten Jahr war ich mächtig beindruckt von der Fleischhalle, in der ganze Schweine und Rinder vor den Augen der Kunden zerlegt werden. Allerdings wirkte das auf mich, der sein Fleisch aus dem Supermarktregal holt, einen derart archaischen Eindruck, dass ich mich gar nicht getraut hatte, zu fotografieren.

Aber die Menschen dort sind freundlich und halten gerne mal ein Schwätzchen und lassen sich auch ganz gerne fotografieren:

Fish at Privoz Market, Odessa

Auf dem Fischmarkt gibt es, genau: frischen Fisch.

Meat at Privoz Market, Odessa

Dieser Fleischer war hoch erfreut, als er hörte, dass ich aus Deutschland komme. Northrhine-Westphalia? Dortmund? – No. Essen! – Oh, I know! Good City!

Meat at Privoz Market, Odessa

Privoz, Odessa

Bergeweise Fleisch

Quark

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Ich hatte keine Ahnung, was Quark ist. Das was auf dem Privoz an grossartigen Quarksorten angeboten wird, hat mit dem Quark, wie ich ihn in aus Deutschland kenne, nichts zu tun. Quark gibt es in verschiedenen Fettstufen und Konsistenzen und eignet sich als Brotaufstrich oder zur Verfeinerung aller möglichen Speisen

Cheese at Privoz Market, Odessa

Privoz, Odessa

Käse gibt es auch. Reichlich!

Abends im Hafen von Odessa

Odessa Harbour
Odessa Hafen, Foto: ich

Ich komme gerade nicht dazu, zu bloggen. Dabei gäbe es viel zu erzählen. Über den Nahverkehr mit halb illegalen Taxis, über die aktuelle Damenmode, über die Lebenshaltungskosten – aber seit gestern ist der Internetanschluss in der Stadtwohnung gestört.

nur kurz

Immer noch Odessa. Immer noch vor der Hochzeit. Mein Rechner befindet sich im Haus ausserhalb der Stadt, ich war die letzten Tage in der Stadtwohnung. Daher die Stille hier im Blog.

Jetzt tippe ich auf einem Windows-Notebook, das staendig den Zeichensatz auf Russisch umstellt, wenn die Software meint, ein russisches Wort erkannt zu haben…

Einer der vielen Handyshops in der Stadt bietet das iPhone an. Fuer umgerechnet etwa 540 EUR. Entsperrt und ungebunden – wenn ich das richtig verstehe.

Heute abend findet so etwas wie der Junggesellen-Abschied des Braeutigams statt. Ich bin gespannt…

Von Schlaglöchern, Regen, Stromausfällen und Köchen, die aussehen wie Josef Stalin

Es regnet in Strömen. Das erste was ich von der Ukraine sehe, ist der Soldat, der auf der Treppe am Ausgang des Flugzeuges in Stellung gegangen ist. Sein Gesichtsausdruck ist genau so finster wie das aktuelle Wetter an der Schwarzmeerküste. Was der dort macht, erschliesst sich mir nicht.

Die Einreiseformalitäten sind dieses mal schneller bewältigt. Ich weiss, dass ich ein Formular ausfüllen muss mit meinem Namen, dem Grund meines Aufenthalts und der Adresse meiner Unterkunft. Mein Reisepass wird kritisch beäugt, auf einen Scanner gelegt – und schliesslich abgestempelt.

Willkommen in der Ukraine.

Fast. Jetzt noch am Zoll vorbei. Bevor man das Gate verlassen kann, muss das Gepäck ein weiteres Mal durch die Röntgenmaschine. Bei dem Anblick des alt wirkenden Gerätes mache ich mir ernsthafte Sorgen, ob mein Rechner die Strahlenbehandlung überleben wird. Er hat sie überlebt. Der freundliche Zölnner zeigt sich aber weniger an meinem MacBook interessiert als an dem Hochzeitsgeschenk, dass sich in meiner Tasche befindet. Also: Aufmachen bitte. Was hat das gekostet? 100 EUR., lüge ich. Ob ich noch mehr Geschenke hätte. Nein, stimmt sogar. Also kein Nachverzollen des Hochzeitgeschenks. Gut!

Die Schlaglöcher auf der Strasse vom Flughafen in die Stadt scheinen noch tiefer geworden zu sein. Der heftige Regen hat die Strasse fast in einen Fluss verwandelt und die Schlaglöcher sind gefährliche Untiefen. Ich bin froh, im knallneuen japanischen Geländewagen meiner Gastgeber zu sitzen – tatsächlich wohl das einzig sinnvolle Fahrzeug für eine Stadt wie Odessa.

Gefahren wird nach dem Recht des Stärkeren. Wobei das ähnlich läuft wie am Arc de Triomphe in Paris: Fahrer neuerer Autos fahren vorsichtiger als die Menschen am Steuer alterschwacher Ladas.

Mir fällt wieder auf, wie dunkel die Stadt ist. Wenn es Strassenbeleuchtungen gibt, ist sie schwach – ausserhalb des Stadtzentrums gibt es kaum Geschäfte, deren Schaufenster oder Schilder leuchten könnten. Hin und wieder sorgen Riesenwerbeplakate für Telekommunikationsfirmen und Baumärkte für ein wenig Helligkeit.

Da ich in weitgehender Unkentniss der Sprache (im Osten der Ukraine wird mehrheitlich nach wie vor Russisch gesprochen) und der Kultur reise, lasse ich mich treiben. Lasse mich überraschen, was als nächstes passiert. Der Ich folge den Anweisungen meiner Gastgeber was zu tun ist und versuche zu verstehen, was vor sich geht.

Wir treffen die Braut in einem Friseursalon, wo sie die letzten Details für ihre Hochzeitsfrisur besprochen hat. Ich bin fast ein bisschen enttäuscht: Der Salon könnte genau so in Saarbrücken oder Kaiserslautern sein.

Als wir kurze Zeit später an einem der riesigen Baumärkte, halten um schnell noch einen Backofen zu kaufen bin ich nicht wirklich überrascht. Ich wusste gar nicht, dass man Badewannen mit integriertem DVD-Player und Flatscreen kaufen kann.

Wir fahren weiter in das Büro. Hier wird für Banken Software entwickelt und der Innenausbau von neuen Büro- und Wohnräumen geplant. Mir ist nicht ganz klar, womit mehr Geld verdient wird.

Mit dem Backofen in dem einen, unserem Gepäck in dem anderen Geländewagen fahren wir weiter. Ich weiss immer noch nicht genau wohin. Wir halten schliesslich an einem Restaurant in einem der Edelbezirke Odessas die geprägt sind von teueren Restaurants und noch viel teureren Hotels. In diesem Restaurant soll am Samstag Hochzeit gefeiert werden. Allerdings muss noch die Menüfolge festgelegt werden. Jetzt.

Wir sitzen im grossen Festraum des Restaurants. Eine Konstruktion dünner Vorhänge trennt den Raum. Auf der anderen Seite wird ein Kindergeburtstag gefeiert. Während die Eltern beisammen sitzen und speisen, werden die Kinder von einer professionellen Animateurin im Prinzessinenkostüm unterhalten. Das ganze bei einem unvorstellbar lauten Mix der bekanntesten Eurodance-Hits.

Inzwischen sind beide Schwiegerelternpaare eingetroffen. In einer nicht enden wollenden Diskussion mit dem Chefkoch, der auf bizarre Art und Weise gleichzeitig an Stalin und Paul Bocuse erinnert, einigt man sich über die auf der Hochzeit zu servierende Speisen.

Die Kinder nebenan sind müde und die Prinzessin hat Feierabend. Statt dessen ist nun die dem Restaurant eigene Band eingetroffen und beginnt zu spielen. Ihr Repertoire reicht von der schwermütigen Odessitischen Ballade bis zur Coverversion internationaler Pophits. Auch sie spielen in einer unvorstellbaren Lautstärke. Immerhin gehen die Verhandlungen mit Ihnen über die am Samstag zu spielenden Lieder schnell von statten.

Um 21:30 fällt der Strom aus. Die gesamte Strasse, alle Hotels und Restaurants liegen im Dunkeln. Routiniert stellen die Kellner Kerzen auf die Tische. Niemand macht Anstalten zu gehen. Durch die Zwangspause der Band wird es plötzlich sehr gemütlich. Nach einer Dreiviertelstunde ist der Strom wieder da und die Band beginnt unverzüglich wieder zu spielen. Who the Fuck is Alice?

Keine halbe Stunde später haben sich die Schwiegereltern, der Vater des Bräutigams ist vom Fach, mit dem Chef endlich über das Menü geeinigt. Wir fahren weiter durch die Nacht.

Das Haus meiner Gastgeber liegt etwas ausserhalb der Stadt. Dort mache ich eine weitere Entdeckung: Es gibt Duschkabinen mit blauen LEDs und eingebautem Radio – das, wenn es blinkt, an Knight Rider erinnert.

Ich wundere mich, nicht weggebeamt zu werden.

Odessa, Ukraine

Odessa Church
Foto: ich

Ab spätestens nächster Woche verwandelt sich dieses Blog wieder in ein kleines Reiseblog. (Odessa im Dezember ’06 / Januar 07 hier, Shenyang, China im September ’05 hier). Ich reise wieder nach Odessa.

Abhängig davon, wie gut und wie oft ich ans Netz komme, werde ich von der Reise in die Ukraine berichten. Diesmal nehme ich meinen Rechner mit, die Digitalkamera ist am Start – eigentlich steht dem Reisegeblogge nichts mehr im Wege.

In Odessa gibt es eine Menge Cafés und Kneipen, die kostenloeses WLAN anbieten. Das werde ich testen. Ich freue mich schon drauf, beim Bagel-Laden um die Ecke meiner Unterkunft Sesamkörner in die Tastatur rieseln zu lassen.

Aber vorher muss ich noch packen. Der Nadelstreifenanzug ist schon gereinigt, meinen Reisepass (Vor-ePass-Modell) habe ich auch schon wiedergefunden. Jetzt noch die E-Tickets audrucken – und dann kann es schon fast losgehen.

Der Reispeplan ist:

Freitag, 09.11.:
Saarbrücken – Leipzig

Samstag, 10.11.:
Leipzig – Berlin
Berlin – Odessa via Budapest

Dienstag, 20.11.:
Odessa – Berlin via Budapest
Berlin – Leipzig

Mittwoch, 21.11.:
Leipzig – Saarbrücken

Der Grund der Reise? Hochzeit feiern! Nein, nicht meine. Aber danke der Nachfrage…