Ode an die Freude: Der Eurovision 2010 Dance Flashmob

Europa, das sind über 50 Länder, 700 Millionen Menschen verteilt auf vier Zeitzonen von Island (UTC) bis Russland (UTC+4). Aber schon die Europäische Union als politisches Dach von 27 Staaten mit 500 Millionen Einwohnern hat große Schwierigkeiten, eine gemeinsame EU-Identität in der Bevölkerung zu stiften. Zu abstrakt ist die politische Konstruktion, zu hoch die Sprach- und Kulturbarrieren.

Dass man aber, und wenn vielleicht auch nur für einen Abend, so etwas wie eine europäische Identität kreieren kann, hat ausgerechnet das Fernsehen Norwegens, eines kleinen nicht-EU Staates, geschafft:

Die Idee des Flashmobs, der ungefähr so authentisch war wie die Live-Schalte zur ISS beim Grand Prix 2009 in Moskau, ist so simpel wie genial.

Mit den Mitteln des Fernsehens wird durch das Zusammenschalten von gemeinsam fernsehenden, tanzenden und feiernden Menschen aus den Teilnehmerländern tatsächlich ein Moment der Verbundenheit hergestellt. Modern wirkt das ganze vor Allem dadurch, dass moderne Kommunikationserfahrungen aufgegriffen werden. Bin ich der einzige, den die Schalten in die feiernden Familien an eine öffentlich-rechtliche TV-Variante von Chatroulette erinnert?

Zugegeben: Beim Eurovision Song Contest geht es um Unterhaltung. Um Musik. Um Pop. Dass man weder Hebräisch noch Portugiesisch sprechen muss, um einen Song oder Interpreten gut oder schlecht zu finden, ist natürlich von grossem Vorteil.

Deutlich anders sähe es aus, ginge es darum konkrete politische Inhalte zu transportieren. Oder sagen wir mal, europaweit Begeisterung für wissenschaftliche Grossvorhaben à la LHC oder Raumfahrt zu schüren.

Ich glaube allerdings, dass der Dance Flashmob aus Norwegen in einigen Aspekten durchaus zum Vorbild taugt. Ich bin mir sicher, dass wir in Zukunft wieder öfter die Eurovisions-Idee sehen werden. Mit Sicherheit nicht live im Fernsehen, wohl aber live im Netz. Denn wo sonst lassen sich mit überschaubaren Aufwand zielgruppenspezifische Live-Events kreieren?

Mario Sixtus hat den Dance Flashmob gerade „die 21. Jahrhundert-Variante des alten „Alle Menschen werden Brüder“-Versprechens“ genannt – womit er Recht hat. Die Überschrift meines Artikels hier ist also schamlos geklaut. Übrigens: Daniel Fiene findet den Eurovision 2010 Dance Flashmob auch gut.

Wer wohnt schon in Düsseldorf?

Ich komme aus dem Ruhrgebiet.

Ich kenne diese mitleidigen Blicke von Euch, die ihr noch nie im Ruhrgebiet wart, wenn ihr hört, dass ich von dort stamme. Ich kenne die Klichees und Vorurteile, die sich in Euren Köpfen über uns Ruhries festgesetzt haben.

Aber ich habe eine Überraschung für Euch: Wir sind gar nicht alle so wie der Vollproll von RTL. Dennoch lieben wir unseren Soziolekt. Wir tragen gar nicht alle Feinripp-Unterhemden zu ballonseidenen Hosen wenn wir an der Bude Bier und Kippen kaufen. Der Himmel über der Ruhr ist blau und manchmal kann man nachts sogar den Mond von Wanne Eickel sehen.

Wir sind 5,3 Millionen, sind treuesten Fans der besten Fußballvereine, stehen liebend gerne auf der Autobahn, haben die Wahl zwischen vier Universitäten (Duisburg/Essen, Bochum, Dortmund, Witten/Herdecke) und zahllosen FHs, kaufen das Nötige in den nahen Niederlanden, gehen heute ins Hotel Shanghai und versacken morgen im Bochumer Bermuda-Dreieck.
Weltklasse Theater sehen wir im Schauspielhaus Bochum, Konzerte besuchen wir in den alten Zechen Carl und Zeche Bochum oder der legendären Grugahalle (wo schon die Beatles unsere Mütter in Hysterie gestürzt haben und die klassischen Rocknächte des Rockpalastes stattfanden). Am 30. April feiern wir zu Tausenden verpeilt die Mayday in der Westfalenhalle. Wir lieben unsere alten Industrieanlagen, das Weltkulturerbe Zeche Zollverein und fühlen uns am Duisburger Innenhafen wie in London.
Grosse Kunst sehen wir im Folkwang Museum, dem Aalto Theater oder dem Konzerthaus Dortmund oder machen sie selbst – im Unperfektaus.

Und Ihr fragt Euch wirklich noch, warum Essen und das Ruhrgebiet Kulturhauptstadt Europas 2010 geworden sind? Eben.

(Erschien im Original bei Spreeblick)