Meine Mediennutzung

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Foto: x-ray delta one

2012. Fast 2013. In Deutschland tobt die Debatte um das Leistungsschutzrecht den Medienwandel. Vielleicht ein guter Moment, mal kurz die eigene, private, Mediennutzung zu reflektieren.

Ich bin Ende 30, besitze kein Fernsehgerät, einen Receiver mit einem Radioteil, das ich niemals nutze, habe keine Tageszeitung oder Zeitschrift abonniert. Aber ich besitze ein Smartphone mit einer Datenflatrate und mehrere Rechner, ein iPad und ein Kindle E-Book-Lesegerät und einen nicht besonders schnellen DSL-Anschluss.

Als vor vielleicht 8 Jahren mein damaliger Mitbewohner der WG auszog, zog auch der Fernseher, der in der Küche stand, mit ihm aus. Bis dahin hatte ich überall dort, wo ich wohnte, Zugriff auf einen Fernseher. Obwohl mir inzwischen die Logik linearen Fernsehens reichlich altmodisch vorkommt, konsumiere ich auch jetzt klassische Fernsehinhalte.

Sehen: Soziales Fernsehen und der zweite Bildschirm

Es gibt genau zwei TV-Inhalte, die ich gelegentlich noch live sehe. Den Eurovision Song Contest und den Tatort. Beide Sendungen werden live im Web übertragen, in einer Qualität, die ausreicht, um ein akzeptables Bild per Beamer an die Wand zu schmeissen.

Tatsächlich ist aber gar nicht der eigentliche Inhalt der Sendung die Motivation, Fernsehen zu schauen. Es ist die Möglichkeit, mich in Echtzeit mit meinen “Freunden” auf Twitter über das Gesehene auszutauschen. Diese soziale Erfahrung macht jetzt den eigentlichen Reiz des linearen Echtzeit-Fernsehens aus.

Natürlich konsumiere ich weitere Inhalte, die für das Fernsehen produziert wurden. Nur findet der Konsum weder zum Zeitpunkt der Ausstrahlung statt noch auf einem Fernsehgerät. Kleine Hilfsprogramme wie Mediathek helfen auf dem Rechner, viele Sender bieten mit eigenen iPhone- und iPad-Apps Zugriff auf die Inhalte ihrer Online-Mediatheken. Darüber hinaus bieten iTunes und diverse P2P-Netze Zugriff auf TV-Inhalte, die so auf dem deutschen Markt nicht angeboten werden.

Seitdem ich einen billigen Blu Ray-Player besitze, kommt ein gänzlich neues Format hinzu: Youtube. Der 70 Euro-Player hat nämlich einen Netzanschluss und kommt mit einem eingebauten Youtube-Player. Auf Youtube schaue ich Youtube-Quatsch aber auch dort abgelegte Videopodcasts oder – und das ist wirklich neu – für Online produzierte TV-ähnliche Serien.

Hören: Radio, Podcasts, Spotify

Meine Radionutzung hat sich ebenfalls dramatisch gewandelt. Früher habe ich viel Radio gehört: terrestrisch empfangbare Sender. UKW. Heute höre ich noch mehr Radio, nur hat das mit klassischen Radiogeräten und UKW nichts mehr zu tun. iPad und iPhone werden zum Radiogerät. Obwohl mir so viele Sender wie niemals zuvor zur Verfügung stehen, sind es im Wesentlichen zwei Stationen, die ich regelmässig höre. Den Deutschlandfunk und Radio Nova, ein nicht formatiertes Radio aus Frankreich mit einem Marktanteil von 1%.

Auf dem Weg zur Arbeit, der etwa 40 Minuten lang ist, höre ich Podcasts. Bevor ich losfahre, lade ich mir die aktuellen Folgen meiner Lieblingspodcasts auf mein Telefon. Unter den Podcasts, die ich höre, sind durchaus einige, die von klassischen Medien zur Verfügung gestellt werden.

Auch Art und Weise, wie ich Musik höre, hat sich drastisch geändert. Ich besitze noch immer mehrere hundert CDs. Die stehen unangerührt im Regal und fangen Staub. Ihr digitaler Inhalt liegt seit Jahren komprimiert auf einer Netzwerkplatte. Seit ein paar Jahren kaufe ich Musik die mir gefällt ohne den Datenträger dazu. Auf das NAS-Netzlaufwerk im Heimnetzwerk kann von allen Rechnern (und iPads und iPhones) im Haushalt zugegriffen werden. Neue Musik entdecke ich bei Spotify oder Soundcloud und nach wie vor über Musik-Weblogs. Ein Rechner, der an der Stereoanlage hängt, spielt via Remote Access die Musik, die ich gerade hören möchte. Interessant ist, dass ich dennoch Mp3s kaufe.

Denn Mp3s höre ich unterwegs. Ich weiss, irgendwie könnte ich mit einem teureren Abo auch Spotify-Inhalte lokal auf meinem iPhone speichern. Das mache ich aber nicht. Vielleicht bin ich da doch zu konservativ.

Lesen: kuratiert und aggregiert

Der vielleicht drastischste Wandel meiner Mediennutzung hat beim geschriebenen Wort stattgefunden. Zugegeben: ich war nie Abonnent einer Tageszeitung. Ich bin mit einer Regionalzeitung und einer Wochenzeitung aufgewachsen und hatte bis zur ihrer Einstellung ein Abonnement der Woche. Die Woche ist vor 10 Jahren eingestellt worden. Bis vor zwei Jahren hatte ich für ungefähr 2 Jahre ein Freitag-Abo. Davor war ich mehrere Jahre lang Abonnent der Brandeins und der de:bug – bis sich Stapel der ungelesenen Ausgaben ungeahnte Höhen annahm. Gelegentlich kaufte ich den SPIEGEL, die SPEX, die C’t, mal die Süddeutsche, mal die Frankfurter-Rundschau, seltener mal die Zeit, häufiger mal die Sonntags-FAZ. Aber keine Zeitung oder Zeitschrift konnte mich überzeugen, ihr Abonnent zu werden.

Heute gibt es drei oder vier Online-Nachrichtenangebote, die ich täglich im Web oder per App auf dem Telefon ansteuere: Spiegel Online, The Guardian, FR-Online und FAZ.net. Letztere auch wegen ihrer Regionalberichterstattung.

Von reinen iPad-Ausgaben grosser Tages- oder Wochenzeitungen lasse ich die Finger. Auch aus technischen Gründen. Der tägliche Download von mehreren 100 MB ist zeitaufwändig. Sogar zu Hause. Einzig die US-Ausgabe der WIRED findet regelmässig ihren Weg auf mein iPad.

Darüber hinaus lasse ich mir automatisiert per Flipboard ein Online-Magazin zusammenstellen. Kuratiert von meinen “Freunden” auf Facebook und Twitter. Twitter-Listen eignen sich hervorragend, um Inhalte zu gruppieren. Flipboard lese ich auf dem iPad zu Hause oder unterwegs auf dem iPhone.

Ergänzend dazu nutze ich Readability um Texte, auf die ich via Twitter oder meinem RSS-Reader aufmerksam werde, zu sammeln und später offline zu lesen. Zum Beispiel auf dem Kindle, wohin mir die markierten Texte des Vortages morgens automatisch geschickt werden.

Diese Texte können sowohl auf Blogs, in reinen Online-Nachrichtenangeboten oder in den Online-Ausgaben von gedruckten Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht worden sein. Tatsächlich ist es mir egal, woher der Text stammt, solange er gewissermassen eine Peer-Review erfährt.

Ich mag Bücher. Ich habe sehr viele davon, weil ich gelernt habe, dass man Bücher nicht wegschmeisst. Gedruckte Bücher kaufe ich interessanter Weise im Buchladen und nicht bei Amazon. Allerdings ändert sich mein Leseverhalten auch hier langsam. Seitdem ich einen Kindle habe, tätige ich gelegentlich Impulskäufe (1-click Shopping is a bitch) bei Amazon. Die Chance, dass ich ein interessantes Buch, dessen Besprechung irgendwo lese, sofort als E-Book kaufe, ist relativ hoch.

Albtraum klassischer Medienunternehmen? Nicht unbedingt.

Mir ist bewusst, dass mein Mediennuntzungsverhalten nicht typisch ist. Ich bin mir aber sicher, dass inzwischen immer mehr Menschen so oder so ähnlich Medien konsumieren oder gerade dabei sind, ihre Mediennutzung in eine ähnliche Richtung zu entwickeln.

Damit müssen wir der Albtraum klassischer Medienunternehmen sein, die es auch im 20. Jahr des WWW nicht geschafft haben, ein tragfähiges Geschäftsmodell zu entwickeln. Oder schlicht die Augen vor durchaus absehbaren Entwicklungen geschlossen haben.

Dabei wären durchaus Modelle denkbar, wie Anbieter von Inhalten auch unter diesen Bedingungen Geld verdienen könnten. Ich würde mich nicht wundern, wenn in nicht allzu ferner Zukunft Apple, Google oder Amazon sich daran machen, die oben beschriebenen Kurations- , Aggretations- und Verteilungsprozesse zu straffen und zu organisieren.

Für eine Lösung, ähnlich wie Flipboard, die mir Zugriff auf Inhalte Dritter verschafft, wäre ich bereit, eine Abogebühr zu zahlen. Die Inhalte-Anbieter müssten dann entsprechend vom Anbieter der Lösung für die Nutzung ihrer Inhalte honoriert werden. Im Grunde also das, was Spotify im Musikgeschäft versucht.

Ich bin bereit, auch für ins Netz geschriebene Worte zu bezahlen. Jetzt sind die Medienunternehmen dran, mir sinnvolle Produkte anzubieten.

tl;dr
Mein Medienkonsum hat sich in den letzten 8 Jahren drastisch verändert. Leider gelingt es den Medienunternehmen nicht, davon zu profitieren. Obwohl ich gerne für Inhalte zahlen würde.


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