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Tucholsky und Lisa Matthias

Kurt Tucholsky:

Augen in der Großstadt

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
dann zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? Vielleicht dein Lebensglück…
vorbei, verweht, nie wieder.


Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hast’s gefunden,
nur für Sekunden…
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück…
vorbei, verweht, nie wieder.

Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Es sieht hinüber
und zieht vorüber…
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.

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Foto: Wikimedia Commons

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3 Kommentare

  1. Erstellt am 27.03.2006 um 14:45 | Permanent-Link

    Das Gedicht (sagt man noch so?) ist herrlich.

  2. Erstellt am 28.03.2006 um 08:08 | Permanent-Link

    Schön ausgewählt der Text! Gelegentlich betätige ich mich derweilen als einigermaßen zeitgeistiger, hoffe ich jedenfalls, Tucholski-Imitator. Z.B. hier zum Thema Ethikbeauftragter.

  3. ying
    Erstellt am 01.04.2006 um 00:33 | Permanent-Link

    Wenn du bei der Arbeit bist
    von neun bis fünf Uhr.
    Wenn du ein Kuchen zum Kaffee isst
    in der Nachmittagspause:
    denkst du an den kurzen Blick,
    die Braue, Pupillen, die Lieder-
    Was war das? Vielleicht dein Lebensglück…
    vorbei? verweht? nie wieder?

    Am nächsten Morgen
    wenn du zur Arbeit gehst.
    Mit den gleichen Sorgen
    am Bahnhof stehst.
    Triffst du noch mal den Blick,
    wieder nur für Sekunden.
    War das ein Trick,
    das deine Geschicke verwenden?

    Tagein Tagaus,
    die Pupillen erfrischen dein Leben,
    Tagein Tagaus,
    das war ein seelisches Beben.
    Vergiss die Großstadt
    und deren Asphaltglatt,
    das Glück ist dir und allein in deiner Hände,
    vorbei, verweht oder nie wieder…

Ein Trackback

  1. Von Berlin steil am 29.03.2006 um 11:24

    »Ich habe mich entschlossen…«…

    Erfahrungen vererben sich nicht – jeder muß sie allein machen. Jeder muß wieder von vorn anfangen … Nun fängt ja keiner ganz von vorn an, weil in jedem Menschen vielerlei Erfahrungen aufgestapelt sind: zwei Großväter, vier Urgroßväter, achtzeh…

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