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Digitale Kultur

Seit 86 Tagen gemeinfrei

Tucholsky und Lisa Matthias

Kurt Tucholsky:

Augen in der Großstadt

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
dann zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? Vielleicht dein Lebensglück…
vorbei, verweht, nie wieder.


Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hast’s gefunden,
nur für Sekunden…
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück…
vorbei, verweht, nie wieder.

Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Es sieht hinüber
und zieht vorüber…
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.

Texte von Kurt Tocholsky copyrightfrei im Netz:
Textlog.de
Projekt Gutenberg

Lesenwert: Das Weblog zu Kurt Tucholsky: Sudelblog

Foto: Wikimedia Commons

Von Andreas

Andreas Schepers leitet die Kommunikation eines der aufregendsten KI-Labs in Europa.

Hier schreibt er privat über Dinge, die ihn interessieren: Astronauten, Pop, etc. und Künstliche Intelligenz.

5 Antworten auf „Seit 86 Tagen gemeinfrei“

»Ich habe mich entschlossen…«…

Erfahrungen vererben sich nicht – jeder muß sie allein machen. Jeder muß wieder von vorn anfangen … Nun fängt ja keiner ganz von vorn an, weil in jedem Menschen vielerlei Erfahrungen aufgestapelt sind: zwei Großväter, vier Urgroßväter, achtzeh…

Wenn du bei der Arbeit bist
von neun bis fünf Uhr.
Wenn du ein Kuchen zum Kaffee isst
in der Nachmittagspause:
denkst du an den kurzen Blick,
die Braue, Pupillen, die Lieder-
Was war das? Vielleicht dein Lebensglück…
vorbei? verweht? nie wieder?

Am nächsten Morgen
wenn du zur Arbeit gehst.
Mit den gleichen Sorgen
am Bahnhof stehst.
Triffst du noch mal den Blick,
wieder nur für Sekunden.
War das ein Trick,
das deine Geschicke verwenden?

Tagein Tagaus,
die Pupillen erfrischen dein Leben,
Tagein Tagaus,
das war ein seelisches Beben.
Vergiss die Großstadt
und deren Asphaltglatt,
das Glück ist dir und allein in deiner Hände,
vorbei, verweht oder nie wieder…

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