Alfred Grosser über die Unruhen in Frankreich

Alfred Grosser

Der französische Politologe Alfred Grosser äussert sich über die Unruhen in Frankreich. Sehr hörenswert und informativ. Heute morgen im Deutschlandfunk (mp3)

(Foto: Hessischer Rundfunk)

Autor: Andreas Schepers

Andreas Schepers macht beruflich was mit PR, Media Relations und Social Media für Raketen, Satelliten und Astronauten. Hier schreibt er privat über Dinge, die ihn interessieren. Von Wissenschaftskommunikation, Online-PR über Netzpolitik zu Astronauten, Pop, etc.

11 Gedanken zu „Alfred Grosser über die Unruhen in Frankreich“

  1. Habe ich auch gehört, und mir stieß die zitierte Meldung *erlag ein Franzose seinen schweren Kopfverletzungen* ebenfalls auf Unverständnis. Genau darum geht es doch. Nur man gut, dass wir EIN Volk sind… Haha.

  2. Mir geht die deutsche Berichterstattung unglaublich auf die Nerven. Insbesondere das Gefasel von Terror und der Versuch, die Unruhen in eine Linie mit den Anschlägen von London zu stellen.

    Die Jungs, die die Autos ihrer Eltern anzünden sind Franzosen. Ende.
    Die Jungs sind ungefähr genaus so gläubig, wie der durschnittliche sekulare Franzose.
    Das ganze ist die Explosion eines sozialen Sprengsatzes, der schon in den 1960er Jahren angelegt wurde.

    Aber Terrorangst zu schüren, verkauft sich halt gut.

  3. Ich möchte mich dem Dank über deine Berichterstattung anschließen. Außerdem bin ich immer erfreut, wenn in deutschen Blogs mal der Deutschlandfunk zitiert wird. In der deutschen Blogosphäre ist es ja eher Usus, auf Spiegel Online einzuprügeln und die wirklich großartigen DLF-Online-Quellen komplett zu ignorieren. Apropos Spiegel Online: auch dort ist ein Interview mit Alfred Grosser zu finden.

    Deinen Thesen kann ich allerdings nur sehr bedingt zustimmen:

    Insbesondere das Gefasel von Terror und der Versuch, die Unruhen in eine Linie mit den Anschlägen von London zu stellen.

    In „den“ deutschen Medien ist mir das bisher noch nicht untergekommen. In US-amerikanischen und englischen Zeitungen sowie in deutschsprachigen Blogs ja, aber in „den“ deutschen Medien? Nein.

    Die Jungs, die die Autos ihrer Eltern anzünden sind Franzosen. Ende.

    Mit Verlaub: Nein. Nicht Ende, sondern höchstens Anfang der Diskussion.

    Zum einen stellt sich die Frage, warum Sarkozy die Ausweisungen anordnet, wenn die „Randalierer“ alle Franzosen sind. (Bislang seien 122 Ausländer im Zusammenhang mit den Unruhen in zahlreichen französischen Vorstädten verurteilt worden, sagte Sarkozy der Nationalversammlung am Mittwoch in Paris.)

    Zum anderen stellt sich die Frage, was es denn im einzelnen bedeutet, die französische Staatsangehörigkeit zu besitzen. Der DLF-Korrespondent in Frankreich wollte gestern in der ebenfalls sehr hörenswerten Sendung Zur Diskussion: „Gewalt in Frankreich“ die Behauptung, die betreffenden Jugendlichen seien alle Franzosen und fühlten sich auch als solche, „mit einem kleinen Fragezeichen versehen“. Er verwies dabei auf ein Fußball-Länderspiel zwischen Frankreich und Algerien, wo während der Marseillaise ein gellendes Pfeifkonzert ertönte, obwohl das Länderspiel in Frankreich stattfand und die überwiegende Mehrheit der Zuschauer Franzosen waren.

    Die Jungs sind ungefähr genaus so gläubig, wie der durschnittliche sekulare Franzose.

    Kommt es darauf an? Dass jemand sich auf den Islam beruft, muss ja nicht zwingend heissen, dass er gläubig ist. Viel näher liegt die Vermutung, dass es demjenigen auf eine (zusätzliche) Legitimationsquelle ankommt. Die Clan-Chefs in Afghanistan sind ja auch nur deshalb so glühende Islam-Anhänger, weil er es ihnen erlaubt, ihre vor-islamische Macht zu erhalten.

    Ich habe – offenbar im Gegensatz zu dir – den Eindruck, dass der Einfluss des Islam in Mitteleuropa von den Mainstream-Medien gerade nicht genügend thematisiert wird. Und gerade dieses Ausblenden ermöglicht es Teilen der deutschen Blogosphäre, zusammen mit englischen und US-amerikanischen Medien und Bloggern, von „Eurabia“ zu sprechen, wo „Ungläubige“ bald überhaupt nichts mehr zu sagen hätten.

    Um nur ein Beispiel zu geben: Gudrun Eussner behauptet in ihrem langen Artikel Vorstadt-Intifada – „Allah Houakbar !“, die Tatsache, dass der Ruf „Allahu Akbar“ ertöne, zeige ja schon, dass die Vorgänge in den banlieues von Islamisten gesteuert seien, während die Diskussion Islamism in France? bei FFOE eher zum gegenteiligen Schluss Anlass gibt.

    Von „den“ deutschen Medien habe ich dazu bisher keinen Ton gehört. In der oben erwähnten Diskussion im DLF gestern abend hat die Moderatorin Claudia Sanders zwar die Frage nach dem Zusammenhang mit dem Islam gestellt, aber keiner der Diskussionsteilnehmer wollte darauf näher eingehen, auch auf Nachfrage nicht. Wenn sich diese Diskussionskultur in Deutschland fortsetzt, dann haben wir bald eine herrschende, vollständig anti-islamische Meinung , weil sich nur konservative Medien und Blogs, die sich selber als liberal bezeichnen, dieses Themas annehmen. Das halte ich für eher nicht wünschenswert, um es vorsichtig zu formulieren.

    Das ganze ist die Explosion eines sozialen Sprengsatzes, der schon in den 1960er Jahren angelegt wurde.

    Da stimme ich dir vollkommen zu.

  4. @marian

    hallo marian, immer noch kein eigenes blog? ;)
    nein im ernst: vielen dank fuer deinen konstruktiven beitrag zur diskussion.

    dlf ist neben dem netz und lokalzeitung meine einzige informationsquelle. tv hab ich ageschafft, formatradio ertrage ich nicht. aber auf spon herumhacken, darf man schon – besser als seitenweise aus spon im eigenem blog zu zitieren, wie ich finde!

    gut. nicht *den* deutschen medien. ich hab mich ueber die eurabia geschichte im spiegel aufgeregt, weil die dort linien gezogen haben, die so, meiner meinung nach, nicht existieren.

    klar. das „ende punkt“ bezog sich auch wieder auf die berichterstattung, die versuchte uns zu verkaufen, es handle sich um auslaender. natuerlich ist das der beginn der diskussion. und du stellst eine wichtige frage. was macht eine gesellschaft mit menschen, die ihr formal qua nationalitaet angehoeren aber – aus welchen gruenden auch immer – nicht integriert sind. ignorieren geht jetzt nicht mehr.

    danke fuer den absatz ueber den religionsaspekt. du hast voellig recht und auch ich teile deine befuerchtungen. die debatte ueber den islam muss gefuehrt werden, weil sonst das thema von rechts besetzt wird und keine vernuenftige auseinandersetzung mehr moeglich ist.

  5. Andreas,

    vielen Dank für dein umfangreiches Lob.

    Eigenes Blog? Ja doch. Ich bin ja schon dabei. Übrigens habe ich sofort das Kommentieren in dem von dir erwähnten Thread eingestellt, nachdem Herr Becker Zwangsmaßnahmen in Erwägung gezogen hatte. Bevor ich mit dem eigenen Blog loslege, werde ich wohl erst bei den Düsseldorfer Jusos bloggen, damit Sebastian nicht mehr so alleine ist.

    Aber erstmal muß ich die Suppe auslöffeln, die ich mir bei Rayson & Boche eingebloggt habe. Da schreibt man einen „etwas“ längeren Kommentar, in der Erwartung, entweder wüst beschimpft oder ignoriert zu werden – und dann antwortet der Rayson ernsthaft. Auch „etwas“ länger. Ts. Ich sollte das doch ganz sein lassen mit den Vorurteilen.

    Wenn dann mein Blog am Start ist, können wir ja über China fachsimpeln…

    Bis die Tage,
    Marian

  6. @ andreas
    hinsichtlich Deiner Meinung, dass es wohl besser wäre, über den Islam zu debattieren, damit sich die Rechtsextreme (oder andere Extreme?) dieses Themas nicht bemächtigen : vollste Zustimmung.
    Übrigens werden die Pariser Vororte “ Banlieus de L`Islam “ genannt.
    Kennt ihr den Bericht des franz. Erziehungsministers Obin? Wahrscheinlich nicht, denn er wurde der Brisanz wegen nicht veröffentlicht, es wurde nicht in seine online-Publikationsliste der Berichte eingestellt!
    das Thema lautete:“ Die Anzeichen und Äußerungen der religiösen Zugehörigkeit in den Schulen.“
    Dabei erwies sich eine Islamisierung der Schulen.
    Hier ein paar Punkte:
    Muslimische Kinder und Erwachsene forderten(und erhielten) getrennte Toiletten sowie Tische in der Schulkantine, weil sie sich nicht mit “ Unreinen“ mischen wollten.
    Sie weigerten sich, zu singen, zu tanzen und zu musizieren.
    Die Islamisierung brachte zugleich einen virulenten Judenhass arabischer Prägung mit sich.
    usw.
    Jean-Pierre Obin meinte noch, dass die Krawalle dort am schlimmsten war, wo man den Forderungen nachgekommen sei.
    Ich habe folgende Theorie, also eine Möglichkeit:
    den muslimischen Kindern wird von früh auf durch den Koran der Überlegenheitsanspruch gelehrt: ihre Religion sei besser, die Mädchen sind nicht ehrbar, wenn sie kein Kopftuch tragen (das geht auch aus Untersuchungen an Schulen in NRW hervor)usw.-Nun erleben sie sich aber als Verlierer – und es zerreißt sie. So gesehen sind sie wirklich Opfer, denn sie werden nicht gerade ermuntert, sich zu integrieren-von den Bärtigen und großen Brüdern.
    Was haben türkische Nationalspieler und die muslimischen Jugendlichen in Frankreich gemeinsam:
    Es zerreißt sie, wenn sie nicht gewinnen.
    Das sind mal so Thesen. Wer hat andere Überlegungen?

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