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Forschung und Wissenschaft Medien

Von akademischen Groupies und Bloggern

Johnny sein kontrovers diskutiertes Foto
(Foto: Spreeblick, Notes bei Flickr)

Da ich es vorziehe, ohne Notebook auf Kongresse zu gehen und dort lieber versuche, zuzuhören und zu verstehen, hier mein vorläufiges Fazit:

Die Veranstaltung gestern im ZKM zu Karlsruhe hinterlässt bei mir eine Art intellektuelle Ambivalenz:

(Obacht: für Glück auf!-Verhältnisse folgt ein wahnsinnig langer Text!)


Auf der, von der Fritz Thyssen Stiftung finanzierten, Tagung trafen Wissenschaftler einerseits und Blogger andererseits aufeinander. Ausserdem verirrten sich ein paar Podcaster mit Hoffnungen auf VC und strahlenden Dollarzeichen in den Augen dorthin.

Genau diese Zusammensetzung des Publikums und der Podien führte zu ärgerlichen Missverständnissen. Die anwesenden Blogger erwarteten von den anwesenden Forschern quasi wissenschaftliche Weihen für ihr Tun, während die Wissenschaftler sich bemühten, die Phänomene Blogs und Podcasting eher abstrakt in den Kontext direkter Bürgerbeiteiligung und neuer Demokratieformen einzuordnen und schienen vom Aufeinandertreffen mit realen Bloggern ihrerseits irritiert.

Michael Mangold (ZKM):

Der Einführungsvortrag von Michael Mangold vom gastgebenden ZKM | Institut für Medien und Wirtschaft beleuchtete die Neuen Medien (nicht nur Blogs und Podcasts) zwischen demokratischen und ökonomischen Potentialen. Dabei diskutierte er die Frage: Verändern neue Kommunikationsformen die demokratische Öffentlichkeit, beleben und erweitern sie den öffentlichen Diskurs oder führt die breite Beteiligung an der Informationsproduktion zu einem Qualitäts- bzw. Informationsverlust?

Claus Leggewie (ZMI):

Viele der anwensenden Nicht-Blogger aus der Wissenschafts-Community waren ausschliesslich wegen ihm da: Claus Leggewie. Direktor des ZMI | Zentrum für Medien und Interaktivität Gießen, intellektuelles Schwergewicht und politikwissenschaftlicher Superstar. In seinem amüsant und unterhaltsam dargebotenen Vortrag entwarf er seine Idee direkter Bürgerbeiteiligung an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen. Demokratie 2.0. Diese sei möglich, wenn dieser beteiligungsfreundlich gestaltet werde. Dabei komme der Moderation im virtuellen politischen Raum eine wichtige Rolle zu, um den gewinnbringenden Austausch von Argumenten (Diskussion) zu gewährleisten.

Ein Satz der hängenblieb, war seine Definition der Blogosphäre als Medium individualisierter Massenkommunikation zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten.

akademische Groupies

In der anschliessenden Diskussion ergriffen sie dann das Wort, die akademischen Groupies. Wissenschaftler(innen) mit erschreckender Ahnungslosigkeit was die Praxis neuer Medien (read: Blogging) betraf. Für sie war die Möglichkeit, in einem kurzen aber direkten Austausch mit Leggewie zu stehen, sicherlich der Hauptgrund, an der Veranstaltung teilzunehmen. Was, wenn ich mir meine Studentenkappe aufsetze, auch völlig in Ordnung geht.

Die Moderation

Bis hierhin soweit so langweilig wie auf jeder wissenschaftlichen Konferenz. Parsa Marvi vom Neika e.V. konnte sich als Moderator darauf beschränken, die Wortmeldungen zu sammeln. Was dann aber im Themenforum Weblogs passierte, war der Veranstaltung überhaupt nicht angemessen. Marvi, dem man seine Jungend (read: Unerfahrenheit) durchaus anmerkte, zeichnete sich durch eine beindruckende Ahnungslosigkeit und Unsicherheit aus. Seine Moderation beschränkte sich auf die Zurechtweisung der Teilnehmer und Vortragenden, um spontane, den Vortrag unterbrechende Zwischenrufe und daraus vielleicht entstehen könnende Diskussionen direkt zu unterbinden. (Was von Don Alphonso und Johnny auch irritiert zur Kenntnis genommen wurde) Von einer Lenkung und echter Moderation einer Diskussion war nichts zu sehen und zu hören. Das, liebe Organisatoren, war richtig schlecht.

Don Alphonso

Für mich ein Höhepunkt des Tages: Der Don live. Ohne Skript, Beamer und Mikrofon. Don Alphonso, seit einiger Zeit ja auch seinem Realnamen Rainer Meyer bekannt, machte mit schon mit der Form seines Votrags deutlich, was Bloggen für ihn ist: Das Verfassen und Publizieren persönlicher Ansichten und Meinungen. Losgelöst aus irgendwelchen Zwängen und Kontexten: Extreme Nabelschau und Brainfuck.

Mit seinem, für eine wissenschaftliche Veranstaltung (wir erinnern uns, das war der Anspruch der Veranstaltung und auch die Erwartungshaltung einiger Teilnehmer) indiskutablen, Auftritt stiftete er Verwirrung und erntete Unverständnis. Was dabei leider auf der Strecke blieb, war seine Kernaussage, dass Bloggen eben kein Journalismus sei sondern eine neue Form des Ausdrucks: schnell, ungefiltert, „hingerotzt“.

Johnny Haeusler

Johnny, kurzfristig aufs Podium gehoben, sollte eigentlich über Corporate-Blogs sprechen. In Vertretung für PR Blogger Klaus Eck. Da dies offensichtlich nicht Johnnys Thema war, machte er aus dem Vortrag eine unterhaltsame Demonstration der neuen Kulturtechnik des Bloggens. Johnny, die Rampensau. Vermutlich waren sehr viele Teilnehmer der Tagung auch da, um Johnny zu gucken. Früher waren Deine Groupies eher weiblich, nehme ich an? ;)

Inhaltlich gab Johnny einen Überblick über den Spreeblick Verlag und pflegte auf nette Art den Gründungsmythos des Verlags: die Jamba-Story und die damit einhergehenden Entwicklungen.

Christoph Neuberger

Nach den beiden Kulturpraktikern hatte wieder die Wissenschaft das Wort. Prof. Neuberger, vom Münsteraner ifk versuchte die wissenschaftliche Einordnung der Weblogs in die etablierte Medienwelt. Dabei räumte er mit einigen Mythen auf: Lediglich einige prominente Blogger (A-Blogger oder Impact-Blogs) würden es gelegentlich schaffen, Themen zu setzen, die sich auch ausserhalb des Blogosphäre zu Nachrichten entwickelten. Weiterhin ging er auf das Selbstverständnis der Blogger in Abgrenzung zum redaktionellen Journalismus ein. Hier zeige sich, dass ca. 60% der Blogger ihr Tun für journalistisch hielten. Interessant seine Feststellung, dass es das Blog eigentlich gar nicht gibt. Letztlich liesse sich eine Form definieren (chronologische Einträge, technische Verteiler wie RSS, etc) aber kaum eine allgemeine Aussage über Inhalte treffen. Zu sehr sei die Blogosphäre differenziert. Ein Schwachpunkt der Präsentation Neubergers war sicherlich die vorhandene Datenbasis. Er bezog sich mangels valider Daten für Deutschland auf ältere US-Studien. Aktuelle, wissenschaftlich fundierte Daten sollen aber in naher Zukunft erhoben werden. Sowohl vom ifk als auch z.B. von Jan Schmidt im Rahmen seiner Arbeit: Practices of online-based networking – form and consequences of „social software“

An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass genau dies der Punkt war, der in einer anschliessenden Diskussion hätte näher beleuchtet werden müssen. Im medialen Diskurs werden Blogs komplimentär zur klassischen Medien wahrgenommen. Was aber ist mit Blogs, die tatsächlich tagebuchcharakter haben? Was sind die? Einfach nur die neue Homepage? Was ist mit thematischen Blog-Inseln, die ausser den inhaltlich eingeweihten und interessierten niemand so richtig kennt?

Themenforum Podcasting

Das Themenforum Podcasting fand ich persönlich nicht sehr interessant. Zwar stellten Peter Löser und Daniel Peters in einem unterhaltsamen Dialog („Genau, Peter!“ – sowas gab’s das letzte Mal auf dem DMMK oder so ;) das Thema vor, aber ich verstehe den Hype nicht. Sorry. Hier wird wieder wild mit Zahlen (x Millionen Podcasts in USA!, 8,5 Millionen Dollar VC! Wow!) und Hoffnungen jongliert.

Mit Alexander Wunschel war auch ein Relikt der New Economy da, der bei seinem Vortrag von den ökonomischen Potential der Podcasts schwärmte und einen sehnsüchtigen Blick in die USA warf.

Das wird im grossen Stil nicht funktionieren. Mag ja sein, dass es gute Podcaster geben wird, die von einem Subskriptionsmodell werden leben können. Mag auch sein, dass Podcast ein toller neuer zusätzlicher Channel für Markenkommunikation sind. Aber Entschuldigung, warum sollte ich mir einen BMW-Podcast anhören?

Thomas Pleil, Professor für Public Relations an der FH Darmstadt versuchte dann auch als letzter Vertreter der Wissenschaft an diesem Tage in einem fundierten aber sehr trockenem Vortrag, die Potentiale von Podcasts als Marketing und PR-Instrument zu beleuchten.

Wo war bei diesem Themenforum eigentlich der Bezug zum Thema der Konferenz? Demokratie und Bürgerbeteiligung?

Versuch eines Fazits

Es trafen zwei Welten aufeinander: Einerseites die Welt der Wissenschaft, die versuchen muss zu verstehen, was gerade da draussen passiert und die Dinge zu ordnen (Alles so schön bunt und neu hier. Da passiert irgendwas – aber irgendwie fehlt uns das Instrumentarium zur validen Untersuchung.) . Andererseits die Praktiker des Bloggens und Podcasten, die einfach tun, was getan werden muss und sich nicht wirklich für einen intelektuell-wissenschaftlichen Überbau ihres Tuns interessieren. Dazwischen ein Moderator, der keiner war.

Mindestens genauso wichtig wie das Programm der Tagung waren aber die Treffen. Ich hab endlich Mo von Phlow persönlich kennengelernt, Jan, der wirklich vielversprechende Forschungen betreibt, den Don, und viele andere…

Eine lustige Veranstaltung.

Update:

Andere Blogs, andere Meinungen

Spreeblick
Rebellenmarkt
PlasticThinking
Oliver Gassners Liveblog
Bamblog
Johannes Kleske
Pöbler
Things to write home about
Hannos Planet zur Tagung
Die Flickr-Gallerie zum Event

Update 2:

Steffen von Media-Ocean schreibt gerade eine sehr lesenswerte und differenzierte Nachbetrachtung der ZKM-Veranstaltung.

Update 3:
Martin aka 020200 formuliert seine Eindrücke hier. (Englisch)

Von Andreas

Andreas Schepers leitet die Kommunikation eines der aufregendsten KI-Labs in Europa.

Hier schreibt er privat über Dinge, die ihn interessieren: Astronauten, Pop, etc. und Künstliche Intelligenz.

24 Antworten auf „Von akademischen Groupies und Bloggern“

Andreas, danke für die super Zusammenfassung, werd ich gleich drauf verweisen..
Mir ist übrigens grad bewusst geworden, dass ich Dein Blog schon länger „kenne“ – ich hab in meinen Bookmarks Deinen Eintrag zu Alpendub drin.. :)

Hallo Andreas,
Vielen Dank für deine Übersicht, werde versuchen, das nächste mal in Karlsruhe mit Klappstuhl als „Rookie“ zuzuhören; fühl Dich verlinkt,
Grüße,
riemer

Hi Andreas! Mir ging es genauso wie Dir. Vor allem die von Dir als „akademische Groupies“ (schöner Begriff) mit ihren als Fragen getarnten minutenlangen Ergüssen von praxisferner Ahnungslosigkeit waren schon etwas nervtötend. Ich finde man hätte aus der Tagung wesentlich mehr rausholen können. Aber dazu hätte der Moderator etwas souveräner und vor allem Don Alfonso etwas weniger polarisierend auftreten müssen. Nuja, spannend ist jetzt eh grad, was wir so in unseren Blogs zu dem event schreiben.

Grüße vom Media-Ocean
Steffen

Eine treffende Zusammenfassung – allerdings nicht von der gesamten Veranstaltung, sondern lediglich vom Freitag – der Samstag, an dem die Abschlussdiskussion stattfand, wird verschwiegen. Sei es drum.
Aber wenn schon kein Laptop dabei ist, beim nächsten mal evtl. mit Stift & Block auftauchen? Denn weder Daniel noch ich haben auch nur eine Zahl aus den USA herangezogen – geschweige denn das Wort Venture Capital in den Mund genommen. Da muss wohl etwas durcheinander gebracht worden sein – dabei sieht keiner von uns Herrn Wunschel auch nur entfernt ähnlich.
Ein Gruß aus FFM
Peter

@Peter:
Keine Sorge, Stift und Moleskine hatte ich dabei.
Wie aus meinem Blog ja hervorgeht, war ich auch nur Freitag da, richtig. Das Thema Videojournalismus interessiert mich persönlich nämlich überhaupt nicht.

Du hast recht, Ihr habt weniger von den kommerziellen Perspektiven gesprochen. Doch wurde mir jedenfalls nicht klar, was und wie eure Plattform ist. Vielleicht war es die Form Eures Vortrags, die mich einfach zu sehr an die Zeit um 97 erinnerte – da ging’s nämlich nur um das Einsammeln von VC und das Verkaufen von Träumen.

Aber ich werde mich dem Thema Podcasts nocheinmal nähern. Denn was Ihr auf jeden Fall geschafft habt, ist die Meinungs- und Stilvielfalt der deutschen Podcast-Landschaft deutlich zu machen!

Danke für die Zusammenfassung, konnte bei der Veranstaltung nicht dabei sein, nur beim anschließenden Get-Together.

Allerdings möchte ich noch was zum Podcasting sagen: ich konnte es mir auch nicht vorstellen. Beim blog-lesen kann ich navigieren und filtern, beim Podcast ist es eher sequentiell. Ich hab mir jedoch trotzdem ein paar Podcasts angetan und muss sagen inzwischen weiss ich es zu schätzen unproduktive Zeiten mit Zielgruppenorientierten „Radiosendungen“ zu füllen.

Wichtig für mich ist aber eine gute Produktion, sonst wird es anstrengend. Super gut produziert (Kris ist Tontechniker) und inspirierend ist der Podcast tipsfromthetopfloor.com über Digitalfotografie.

Dazu höre ich mir This Week in Tech an um mitzubekommen wie die Ami IT Redakteure so ticken (Deswegen ach ZDNets Between the Lines).

Ebenfalls lasse ich mich vom Oracle Technet Podcast aktualisieren weil ich deren Site sonst nur bei Problemen besuche.

Quasselpodcasts (die erfolgreichen wie Dawn+Drew, Soccergirl oder Nate and Di hatte ich ne weile subsribed im die Podcast Community kennenzulernen sind mir aber dann zu belanglos.

Gruss
Bernd

so ich war gerade bei 020200 und hab dort was abgelassen und muss es hier nochmal wiederholen: ich war nicht da, danke an andreas und all die anderen fürs zusammenfassen, leider hab ich mirs so vorgestellt: ein phänomen der kreativen, freien szene wird wissenschaftlich in die leitplanken eingephast, man muss sich als deutscher wissenschaftler (ja ich gehöre auch der kaste an) durchaus fragen, ob das so sein muss ? brauchen die kreativen überhaupt die wissenschaftl. rechtfertigung ? ist blogging nicht längst mainstream, was soll dann dieser kontext ? nun gut konferenzen sind ja in erster linie zum socializing und verlinken gedacht und ich hoffe, dass dies bestens funktioniert hat.

Ich habe das ganz anders wahrgenommen. Eher als Clash. Die BLogger in der Blogosphäre hauen auf die Wissenschaft. Why? Es war doch eine schöne, schillerd-bunter Veranstaltung. Viele Meinungen, schöne Perspektiven. Und zumindest ich bin der Meinung, das bei einer evtl. Folgeveranstaltung das Thema Blogs viel breiter Aufgestellt werden müsste. Also nicht nur die „Pop-Star“-Blogs.

Ich fände es auch sehr spannend, beispielsweise mal einen 15jährigen 20six-Blogger über seine Erfahrungen sprechen zu lassen. (Vielleicht sagt er ja auch so oft ficken wie Don? ;-))

@jan:

ja, aber wir haben ja gehoert, dass das wohl eher ein maedchenthema ist. das bloggen, in dem alter meine ich. aber spannend waere das allemal.

hach, wir bloggenden wissenschaftler ;)

Von Seiten der Organisation die verspätete Antwort (Verzeihung!) auf: „wo war beim Podcast-Themenforum der Bezug zur Bürgerbeteiligung“: Peter Löser und Daniel Peters haben mit dem http://www.themencast.de Beispiel sehr gut verdeutlicht, wie Bürgerbeteiligung via Podcasting funktionieren kann, gerade bei einem so wichtigen Thema wie der Bundestagswahl. Für all diejenigen, die die Tagung verpasst haben: Ab morgen kann man den Audiodateien der Vorträge unter http://www.zkm.de/muw lauschen.

[…] Blogosphäre und Wissenschaft Eigentlich wollte ich hier ein paar Notizen zu Jan Schmidts Forschungsbericht machen, bin beim Lesen und Stöbern allerdings auf eine Diskussion gestoßen, die sich im letzten Herbst um das Verhältnis von Wissenschaft und Blogosphäre rankte. Ohne mir da jetzt ein Bild machen zu wollen (vor allem als einer der geschmähten Soziologen) scheinen mir zwei Punkte wichtig zu sein.1. Diese Diskussion ist ein vortreffliches Beispiel dafür, dass die Blogosphäre ein zivilgesellschaftliches Feld ist: Die Debatten darüber, welche Hierarchien, Linkstrategien etc. in der Blogosphäre tatsächlich vorherrschen, ist – so scheint mir – doch eigentlich viel eher eben jene Dynamik, die zur Bestimmung beitragen soll, wer legitimer Akteur der Blogosphäre sein soll und wer nicht; d.h. hier finden tatsächlich Exklusionsmechanismen statt. Auch der Verweis auf die eigene Geschwindigkeit, Praxis, Sprache oder Unberechenbarkeit gegenüber der Wissenschaft ist letztlich eine Form der Eskamotage. Nun steckt darin auch ein Moment der Wahrheit: Dadurch, das Wissenschaft zur Objektivierung drängt, exekutiert sie an den Weblogs, was möglicherweise ein großes Movens ist: Sie tut der Individualität der Blogger Gewalt an, was auf dort als “narzißtische Kränkung” gespürt wird (ein stets wiederkehrendes Moment der Soziologie, indem sie etwas zu bergen sucht, was die Individuen antreibt und bewegt, diesen selkbst aber nicht zugänglich ist). Dennoch besteht die Grundthese einer Kritischen Theorie des Internets und auch des Bloggens (die sich ja selbst aus dem Mainstream der Kulturwissenschaften verdrängt sieht) darin, dass alle sozialen Phänomene gesellschaftlich vermittelt sind, also nicht aus dieser herauszustellen sind. Daraus folgt auch, dass die darin behauptete Individualität und Unnahbarkeit, wie sie in dem Vergleich mit den “Mäusen der Wissenschaft” implizit heraufbeschworen wird, ein Effekt von Vergesellschaftung sei. Ob jedoch Wissenschaft mit den Weblogs mithalten kann, ist keine Frage der Bloggerpraxis oder einer gelungenen Anpassung von Wissenschaft an die Blogosphäre, sondern eine der Reflexionsform. Diese kann auch in einem gr0ßen zeitlichen Abstand dazu sich vollziehen, so wie auch die Kommentare nicht der Zeitlogik der Originaleinträge folgen. Schließlich ist Wissenschaft auch nur eine Form des Kommentars von Phänomenen (freilich mit dem Dünkel behaftet, das Phänomen einen anderen Stellenwert zu geben, indem es zum Material degradiert und Basis wissenschaftlicher Kapitalisierung wird). Die Folgerung für eine kritische Reflexion der Blogosphäre muss darum sich bemühen, jener als Pänomen die eigene Wahrheit zuzugestehen, d.h. als Index der wissenschaftlichen Aussagen mitzuführen. Das Nichtidentische der Weblogs ist dem wissenschaftlichen System ebensowenig zu subsumieren, wie Kritische Theorie selbst nicht zum System sich machen lassen darf. 2. Wissenschaft ist wie das Bloggen ein eigener Erfahrungsraum, nicht allein ein Jargon (zu dem es da facto häufig wird, dann aber wirklich schlecht wird). Die Aussage, dass sich in den Weblogs ein radikal Anderes manifestiere, das nur durch Mitmachen registrierbar ist, gleicht auf frappierende Weise den Aussagen derjenigen, die behaupten: es ist so, es war schon immer so. Es ist freilich ein seltsame Koinzidenz des “es wird sich alles ändern” und “diese Änderung wird nur beobachten können, wer diese selber mitvollzieht”. Darin steckt etwas Esoterisches, nämlich eine säkulare Erleuchtung, wie sie durch das Prinzip der Shibboleth gekennzeichnet ist: Nur wer auf der wahren Seite steht kennt die Unterscheidung. Dasselbe trifft umgekehrt auch auf die Wissenschaft zu. Dennoch spricht einiges dafür, dass beide Bereich eine strukturelle Ähnlichkeit ausweisen. – Weblogs übernehmen die Funktion einer öffentlichen Kontrolle der Wissenschaft und des Journalismus, während Wissenschaft Weblogs in ihren Diskursen ebenfalls kritisch reflektieren kann (d.h. es besteht eine Möglichkeit dazu, die nicht notwendigerweise vollzogen wird). – Weblogs bauen auf technischen Entwicklungen auf, die durch wissenschaftliche Prozesse entstanden sind. Die Ursprünge liegen nun einmal in der Informatik und im Designbereich, die ja eine gewisse Nähe zur Wissenschaft und Technik besitzen. Das Technik als Naturbeherrschung dialektisch funktioniert, ist darf nicht dazu führen, aus Angst vor dem Konservativen in eine unkritische Technikgläubigkeit umzuschlagen, die selbst ein Anzeichen des Konservativismus ist. – Einzelne Mitglieder der Blogosphäre sind ebenfalls Wissenschaftler. Sie verfügen über eine Praxis des Bloggens die Teil der Blogosphäre ist. Die Angst davor, sich die eigene Praxis madig machen zu lassen, ist allein deswegen begründet, dass der Riss zwischen Person und Produkt sich in beidem niederschlagen könnte. Als letztes jedoch möchte ich trotz aller Sympathie für die Destruktion der wissenschaftlichen Beobachtung doch folgendes festhalten: die Aversion gegen schlechte Gesellschaftstheorie (wie sehr diese auch vorhanden ist) darf sich nicht mit schlechtem Idealismus und brüsten: Ähnlich den Verfechtern “subversiver Jugendkulturen” wie des Punks, muß trotz der Netzlogik der Blogosphäre, diesen gegenüber auf die Dialektik von Konformismus und Nonkonformismus bestanden werden: Wer sich mit dem Titel des Nonkonformen brüstet, macht sich des Konformen verdächtig. Auch ist die Netzlogik allein kein Garant für ein mehr an Emanzipation, so wie mehr Information und Vernetzung allein nicht mehr Demokratie bedeutet und Demokratie nicht schon der Zustand der Vernunft ist. Das bitterste ist allerdings die Forderung: die Blogosphäre nicht zum Objekt von Soziologie machen zu lassen, aber von dieser zu fordern, sie solle wie die Industrieforschung verwertbare Ergebnisse erzielen. Dieses Argument spricht die Sprache der Verdummung, wenn die Maßstäbe des Erfolgs Schnelligkeit und Masse sind und nicht die Qualität: Über den antiintellektuellen Imperativ, der im “nicht verstehen, sondern leben” steckt, ist viel genug gesagt worden. Sicherlich ist auch der Intellektuelle nicht die Figur des Fortschritts schlechthin, aber in ihm steckt noch etwas von dem Glück, nicht alles preisgeben zu müssen. Das der Gedanke längst schon zur Ware geworden ist, ist nicht mehr rückgängig zu machen, aber die Forderung, dieses radikal zu exekutieren zeugt von einer affirmativen Haltung. Das jedenfalls ist meine Meinung. http://www.bamberg-gewinnt.de/wordpress/archives/282#comment-891 http://www.andreas.de/wordpress/archives/2005/09/24/von-akademischen-groupies-und-bloggern/ http://rebellmarkt.blogger.de/stories/330033/ http://rebellmarkt.blogger.de/stories/330662/ http://rebellmarkt.blogger.de/stories/331281/#331432 […]

[…] Blogosphäre und Wissenschaft Eigentlich wollte ich hier ein paar Notizen zu Jan Schmidts Forschungsbericht machen, bin beim Lesen und Stöbern allerdings auf eine Diskussion gestoßen, die sich im letzten Herbst um das Verhältnis von Wissenschaft und Blogosphäre rankte. Ohne mir da jetzt ein Bild machen zu wollen (vor allem als einer der geschmähten Soziologen) scheinen mir zwei Punkte wichtig zu sein.1. Diese Diskussion ist ein vortreffliches Beispiel dafür, dass die Blogosphäre ein zivilgesellschaftliches Feld ist: Die Debatten darüber, welche Hierarchien, Linkstrategien etc. in der Blogosphäre tatsächlich vorherrschen, ist – so scheint mir – doch eigentlich viel eher eben jene Dynamik, die zur Bestimmung beitragen soll, wer legitimer Akteur der Blogosphäre sein soll und wer nicht; d.h. hier finden tatsächlich Exklusionsmechanismen statt. Auch der Verweis auf die eigene Geschwindigkeit, Praxis, Sprache oder Unberechenbarkeit gegenüber der Wissenschaft ist letztlich eine Form der Eskamotage. Nun steckt darin auch ein Moment der Wahrheit: Dadurch, das Wissenschaft zur Objektivierung drängt, exekutiert sie an den Weblogs, was möglicherweise ein großes Movens ist: Sie tut der Individualität der Blogger Gewalt an, was auf dort als “narzißtische Kränkung” gespürt wird (ein stets wiederkehrendes Moment der Soziologie, indem sie etwas zu bergen sucht, was die Individuen antreibt und bewegt, diesen selkbst aber nicht zugänglich ist). Dennoch besteht die Grundthese einer Kritischen Theorie des Internets und auch des Bloggens (die sich ja selbst aus dem Mainstream der Kulturwissenschaften verdrängt sieht) darin, dass alle sozialen Phänomene gesellschaftlich vermittelt sind, also nicht aus dieser herauszustellen sind. Daraus folgt auch, dass die darin behauptete Individualität und Unnahbarkeit, wie sie in dem Vergleich mit den “Mäusen der Wissenschaft” implizit heraufbeschworen wird, ein Effekt von Vergesellschaftung sei. Ob jedoch Wissenschaft mit den Weblogs mithalten kann, ist keine Frage der Bloggerpraxis oder einer gelungenen Anpassung von Wissenschaft an die Blogosphäre, sondern eine der Reflexionsform. Diese kann auch in einem gr0ßen zeitlichen Abstand dazu sich vollziehen, so wie auch die Kommentare nicht der Zeitlogik der Originaleinträge folgen. Schließlich ist Wissenschaft auch nur eine Form des Kommentars von Phänomenen (freilich mit dem Dünkel behaftet, das Phänomen einen anderen Stellenwert zu geben, indem es zum Material degradiert und Basis wissenschaftlicher Kapitalisierung wird). Die Folgerung für eine kritische Reflexion der Blogosphäre muss darum sich bemühen, jener als Pänomen die eigene Wahrheit zuzugestehen, d.h. als Index der wissenschaftlichen Aussagen mitzuführen. Das Nichtidentische der Weblogs ist dem wissenschaftlichen System ebensowenig zu subsumieren, wie Kritische Theorie selbst nicht zum System sich machen lassen darf. 2. Wissenschaft ist wie das Bloggen ein eigener Erfahrungsraum, nicht allein ein Jargon (zu dem es da facto häufig wird, dann aber wirklich schlecht wird). Die Aussage, dass sich in den Weblogs ein radikal Anderes manifestiere, das nur durch Mitmachen registrierbar ist, gleicht auf frappierende Weise den Aussagen derjenigen, die behaupten: es ist so, es war schon immer so. Es ist freilich ein seltsame Koinzidenz des “es wird sich alles ändern” und “diese Änderung wird nur beobachten können, wer diese selber mitvollzieht”. Darin steckt etwas Esoterisches, nämlich eine säkulare Erleuchtung, wie sie durch das Prinzip der Shibboleth gekennzeichnet ist: Nur wer auf der wahren Seite steht kennt die Unterscheidung. Dasselbe trifft umgekehrt auch auf die Wissenschaft zu. Dennoch spricht einiges dafür, dass beide Bereich eine strukturelle Ähnlichkeit ausweisen. – Weblogs übernehmen die Funktion einer öffentlichen Kontrolle der Wissenschaft und des Journalismus, während Wissenschaft Weblogs in ihren Diskursen ebenfalls kritisch reflektieren kann (d.h. es besteht eine Möglichkeit dazu, die nicht notwendigerweise vollzogen wird). – Weblogs bauen auf technischen Entwicklungen auf, die durch wissenschaftliche Prozesse entstanden sind. Die Ursprünge liegen nun einmal in der Informatik und im Designbereich, die ja eine gewisse Nähe zur Wissenschaft und Technik besitzen. Das Technik als Naturbeherrschung dialektisch funktioniert, ist darf nicht dazu führen, aus Angst vor dem Konservativen in eine unkritische Technikgläubigkeit umzuschlagen, die selbst ein Anzeichen des Konservativismus ist. – Einzelne Mitglieder der Blogosphäre sind ebenfalls Wissenschaftler. Sie verfügen über eine Praxis des Bloggens die Teil der Blogosphäre ist. Die Angst davor, sich die eigene Praxis madig machen zu lassen, ist allein deswegen begründet, dass der Riss zwischen Person und Produkt sich in beidem niederschlagen könnte. Als letztes jedoch möchte ich trotz aller Sympathie für die Destruktion der wissenschaftlichen Beobachtung doch folgendes festhalten: die Aversion gegen schlechte Gesellschaftstheorie (wie sehr diese auch vorhanden ist) darf sich nicht mit schlechtem Idealismus und brüsten: Ähnlich den Verfechtern “subversiver Jugendkulturen” wie des Punks, muß trotz der Netzlogik der Blogosphäre, diesen gegenüber auf die Dialektik von Konformismus und Nonkonformismus bestanden werden: Wer sich mit dem Titel des Nonkonformen brüstet, macht sich des Konformen verdächtig. Auch ist die Netzlogik allein kein Garant für ein mehr an Emanzipation, so wie mehr Information und Vernetzung allein nicht mehr Demokratie bedeutet und Demokratie nicht schon der Zustand der Vernunft ist. Das bitterste ist allerdings die Forderung: die Blogosphäre nicht zum Objekt von Soziologie machen zu lassen, aber von dieser zu fordern, sie solle wie die Industrieforschung verwertbare Ergebnisse erzielen. Dieses Argument spricht die Sprache der Verdummung, wenn die Maßstäbe des Erfolgs Schnelligkeit und Masse sind und nicht die Qualität: Über den antiintellektuellen Imperativ, der im “nicht verstehen, sondern leben” steckt, ist viel genug gesagt worden. Sicherlich ist auch der Intellektuelle nicht die Figur des Fortschritts schlechthin, aber in ihm steckt noch etwas von dem Glück, nicht alles preisgeben zu müssen. Das der Gedanke längst schon zur Ware geworden ist, ist nicht mehr rückgängig zu machen, aber die Forderung, dieses radikal zu exekutieren zeugt von einer affirmativen Haltung. Das jedenfalls ist meine Meinung. http://www.bamberg-gewinnt.de/wordpress/archives/282#comment-891 http://www.andreas.de/wordpress/archives/2005/09/24/von-akademischen-groupies-und-bloggern/ http://rebellmarkt.blogger.de/stories/330033/ http://rebellmarkt.blogger.de/stories/330662/ http://rebellmarkt.blogger.de/stories/331281/#331432 […]

[…] Alfonso Als Social Bookmark speichern in: Selectdel.icio.us Digg it Furl Spurl | Permalink | Trackback | Zitat on Zitat off Bitte wie folgt zitieren: Büffel, Steffen [2005]: Andere Stimmen zurZKM-Tagung. In: Media-Ocean [Weblog], 25. September 2005. Online-Publikation: http://www.media-ocean.de/2005/09/25/andere-stimmen-zur-zkm-tagung/. Abrufdatum: 2. December 2006. var blogTool = „WordPress“; var blogURL = „http://www.media-ocean.de“; var blogTitle = „Media-Ocean“; var postURL = „http://www.media-ocean.de/2005/09/25/andere-stimmen-zur-zkm-tagung/“; var postTitle = „Andere Stimmen zur ZKM-Tagung“; var commentAuthorFieldName = „author“; var commentAuthorLoggedIn = false; var commentFormID = „commentform“; var commentTextFieldName = „comment“; var commentButtonName = „submit“; Ein Feedback zu „Andere Stimmen zur ZKM-Tagung“ media-ocean » Blog Archive » ZKM-Spin-Off Disku(rs)ssionen […]

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