CD-Kritik: Aphex Twin: Richard D. James Album

Warp 43/Rough Trade

Er hat wieder was zusammengebastelt, der kleine Junge aus Cornwall mit den langen strähnigen Haaren und dem mehr als Dreitagebart, der Antiheld des Techno: Aphex Twin, bürgerlich Richard D. James .

Rasend schräge Drum'n'Bass-Sinfonien sind im Heim des Tüftlers aus dem Computer gepurzelt, trällernde Kinderstimmen, quietschige Keyboard- und Spielzeugpianomelodien, liebliche Geigen und feierliche Orgelklänge. Ein Remmidemmi aus Pop und Klassik, heftigen Beats und seichten Liedchen, rasant, amüsant - will er uns auf den Arm nehmen? Techno als Vergnügungspark?

Seit dem Erscheinen seiner ersten Maxis Anfang der neunziger Jahre, als Aphex Twin zum Außenseitertip der neuen elektronischen Musik in England wurde, war er vor allem für eines bekannt: daß man nie wissen konnte, welche Überraschungen auf der nächsten Platte sein würden.

Diesmal sind es die Drum-'n'-Bass-Rhythmen, die er sich aneignete, ungeachtet ihrer sehr eigenen Charakteristik und eines eigenen Kreises von Rezipienten, mit dem er nichts zu tun hat. Aphex Twin perfektioniert den Diebstahl, im Sampling längst zur neuen Kunstform geworden, bis er als frechster Dieb dasteht.

Und dazu diese mal dahinschmelzenden, mal hymnisch hüpfenden Streichorchestereinlagen - verrückt!

In einigen Stücken sind die Melodien so niedlich, daß sie Techno in sein Gegenteil verkehren. Daran ändert die Härte des Drum 'n' Bass nichts, denn hier ploppen die trockenen algorithmischen Beats wie feuchte Seifenblasen aus den Maschinen. Trotz ihrer Lautstärke wirken sie mehr wie ein Accessoire denn wie ein Grundgerüst.

Das Stück "Goongumpas" und der als Single ausgekoppelte "Girl/Boy Song" erinnern in der Einfachheit der Klassikarrangements an Benjamin Brittens "Simple Symphony". Auch Britten mußte sich den Vorwurf des Eklektizismus gefallen lassen; auch er betrieb, wie Aphex Twin, bereits als Kind Klangforschung.

Richard D. James läßt sich nicht gern vereinnahmen, weder vom Diskurs eines vorgeblich intelligenteren Techno noch von jener nicht unerheblichen Hörerschar, die durch den Erwerb seiner Platten von der Independent-Gitarrenmusik zum Electronic Listening konvertierte. Er liebt das Spiel mit Identitäten. Dem "The Firstborn is Dead"-Mythos um seinen bei der Geburt gestorbenen Zwillingsbruder, angedeutet im Pseudonym Aphex Twin, huldigte der Musiker schon auf dem Cover einer vorangegangenen Platte mit einem Photo vom Grabstein des Bruders. Über den Wahrheitsgehalt dieser dramatischen Inszenierung darf spekuliert werden.

Immer wieder verunsichert Aphex Twin seine Hörer über Schein und Sein. Seine naive Vorstellung eines synthetischen Klangbilds, die Spielzeugsoundmuster, machen es schwer herauszuhören, ob er tatsächlich Instrumente eingesetzt hat oder ob alles komplett in der Computersoftware entstand. Mit kindlichem Ernst inszeniert er sein Wechselspiel zwischen einer sehr einfachen musikalischen Oberfläche und den komplizierten technischen Abläufen in der Tiefe.

Abrupt und ohne Einleitung beginnt das "Richard D. James Album", nach kurzen zweiunddreißig Minuten ist die Reise durch die zehn scheinbar beliebig gruppierten Stücke ebenso unvermittelt zu Ende. Vom LP-Format geweckte Hörererwartungen werden enttäuscht - kein epischer Faden, kein fortlaufender Spannungsaufbau, keine Steigerung in der Soundentwicklung.

Und doch - genau im Moment des befreienden Auflachens über eine besonders irr konstruierte Bruchstelle zwischen prasselndem Beatgewitter und abwärts sausendem Streichorchester - ein Innehalten: Nein, dies ist kein Witz, sondern ein exquisites Hörvergnügen, ein Meisterwerk der Auflösung im richtigen Augenblick.

Pinky Rose

(C) DIE ZEIT 28.02.97 Nr.10